ROM Ihre Stadt_13/05/2018

‚Ich nehme noch eine Zigarette, cuore mio.‘ Sie sagte es, als würde Sie nie etwas anderes zu ihm sagen. Als stünde dieser Satz auf Seite zwei des Handbuchs der Römer: ‚How to be a Roman‘. Er würde gleich neben Themen stehen wie: la Mama – persona numero uno; l‘amore drammatico – l’amore importante; perfekte italienische Farbkombinationen, bei egal welchem Lichteinfall, Umgebung oder Haut-Ton; Fendi, Punkt. Valentino, Punkt; grüner Marmor für die Küche, schwarz gelb durchzogener Marmor fürs Bad, Punkt.

 Wein hatte sie noch im Glas. Die Flasche, in einem mit Eis gefüllten Kübel aufbewahrt, stand bei ihr am Tisch. Einem Freund, Marco, gehörte das Weingut bei Latio; `wir müssen ihn wiedersehen, bald, ruf ihn doch an, morgen bitte, oder nächste Woche, ich mochte Marco immer sehr. Wir sollten ihn besuchen. Im Sommer. Wir fahren hin‘.  Die Flaschen der Touristen standen üblicherweise weiter weg an den Kellner-Stationen, kein Platz am Tisch, man müsse verstehen‘. Nicht so bei ihr. Sie war eine Römerin, mit römischen Wurzeln, die tiefer gingen als mancher Ursprung der alten Sagen und Geschichten. Jenen Geschichten, die dieser Stadt ihr Mysterium verliehen. 

Touristen verirrten sich höchstens hierher, in die Enoteca. Ein modernes und zugleich traditionelles römisches Restaurant, versteckt in einer der unzähligen Seitengassen, die zum Pantheon führten. Kaum sichtbar, unaufgeregt, still und fast nur durch den Hinweis eines echten Römers zu finden. Fand unversehens doch mal ein Tourist hierher, so erkannte man ihn sofort. Diese Art unsicher hin-und her zu schauen; die Art zu bestellen; was getrunken wurde; was man aß; wo man sass und wir man sass. Diese Art eben.Ihre Art hier zu sitzen war das komplette Gegenteil. Sie gehörte hierher. Sie war der Inbegriff einer stolzen Römerin, die nicht römischer hätte sein können. Würde man sie hier wie eine Touristin behandeln, wäre es das letzte Mal, dass sie einen Fuß in dieses Restaurant gesetzt hätte. Zugleich würde es den Untergang der Enoteca markieren, wie auch für jedes andere Restaurant in und um Rom. Wenn ‚sie‘ nicht kommt, kommt keiner mehr.

Sie war Rom. Sie war die Essenz dieser Stadt. Ihre Attitüde war eine Philosophie. Ihre aufrechte Haltung ihr Erbe. Ohne sie war es nur eine Stadt. Sie trug goldene Ohrringe. Gold stand ihr gut zu Gesicht. Die Ohrringe, ein bisschen zu groß für einen Tageslook, waren perfekt abgestimmt auf das schwarz ihrer Prada Sonnenbrille, dem leicht geschwungenen Haar, den langen, knorrigen, braungebrannten Fingern, die gerade eine Zigarette entgegennahmen, um sie zu ihren schönen römischen Lippen zu führen. In der Perfektion ihres Seins, war die Größe der zu großen Ohrringe genauso, wie sie besser nicht hätte sein können. Kleinere Ohrringe wären einfach kleinlich gewesen. Sie aber setzte Statements. Sie war keine Frau, die sich mit Normalität zufriedengab. Überhaupt empfand sie die Norm als die pure Langeweile. 

Natürlich passte auch sie sich an, wenn sie musste, wenn sie etwas wollte von denen, die innerhalb der Norm etwas zu bieten hatten, was außerhalb der Norm ebenso gebraucht wurde, wie innerhalb. Sie holte sich, was ihr zustand. Sie ging nicht über Leichen. Das musste sie nicht. Das muss niemand, wenn man weiß wie man bekommt was man will, wenn man ist, wer man sein will und trotzdem akzeptiert und versteht warum Andere nicht so sind. Wären die ‚Anderen‘ wie sie, wäre sie ja wieder gleich der Norm und die Norm wäre das Ende. Für sie. Das war ihr Wesen. Der Widerspruch war ihre Heimat.

 ‚Hast Du Feuer?‘ Er hält ihr das goldene Dupont Feuerzeug hin. Sie beugt sich kaum merklich zu ihm. Er lässt das seitlich angebrachte Rad unter seinen schönen braungebrannten Fingern hinwegdrehen und entzündet für sie eine Flamme. Sie hält ihre Zigarette hinein. Zieht einmal. Rote Glut. Qualm. Eine Momentaufnahme.Sie lehnt sich kaum merklich zurück in ihren Bistrostuhl. Zurück in diese so perfekte Position, welche sie bei bestem Licht und bester Haltung wirken ließ wie sie war, in all ihrer Perfektion, umhüllt von den zarten Rauchschwaden ihrer Zigarette. Hier auf der Piazza, in Rom, im Mai. 

Es riecht nach Gulli. Kurz nur. Auch das ist Rom. Eine alte Kultur. Gemacht vom und für den Menschen. Mit Gulli und Kolosseum. Gemacht für sie. Wie sie gemacht wurde von Rom. Roms Erbe. Roms Kinder. Rom als Quelle. Rom als Wiege. Roms Attitude. Rom.

 Der Flieder war schon wieder verblüht, so wie ihre Jugend. Sie war trotzdem schön. So wie Rom. ‚Grazie, mi Amor.‘ Sie lächelt leicht merklich. Kaum. Eigentlich gar nicht. Innerlich. Sie liebt ihn. Er liebt sie. 

Wein wird nachgeschenkt. Hier in Rom. 

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This is a glimpse into my world of written and spoken word. I work interdisciplinary. Where there are words, there are images, where there are images, there is a sound, where there is a sound, there is a feeling. Not particularly in this order.
— Esther Seibt

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ROMA AMEN Guide’ Faltkarte - a collaborative work between ‘b3zehn - furniture und objects design studio’ including stories by Esther Seibt.

 

Soon to be found here are lyrics, poems and short stories, that I’d like to share or that have already been released. Stay tuned…


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A coop between the young and upcoming designer Benedikt von Harder and his label b3zehn and the new gallery space of Witty Achenbach and Anna Hagemeier from ACHENBACHHAGEMEIER gallery - portrayed in an interpretation of their works by THEKEYToDEAN

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“A travel guide to the birthplaces of BAUHAUS. Weimar and Dessau in one day. Searching for BAUHAUS is a short story about expectations and findings. About how little it needs to search and how different the outcome can be. Of how immediate storytelling can take you in and guide you out. Lost and found. Whatever it is. As long as we keep searching.”

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“a critical discourse with society relying on chance, rather than on knowledge - putting their faith into the hands of the others - Wood feeds the fire which burns it. Leonardo da Vinci - A tree without roots is just a piece of wood. Marco Pierre White - The woods decay, the woods decay and fall… Alfred Lord Tennyson.”

TKTD 2 To new beginnings.

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TKTD be bold!

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B13 moves you

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AORC - 'be the change' 2017

“Teaser/image film for AORC. 'be the change' 2017”

— L.K.

 

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The AMEN GUIDE is a collaborative work between ‘b3zehn - furniture und objects design studio’ and Esther Seibt. I contributed a story to the design of b3zehn. It was a collaboration made from an inspirational trip into the heart of Italy.

 

There is something relaxingly slow in writing a story.

A rarity in a world run by pace and speed. Now think about this: if it is slow writing it, how slow is it reading it. Awesome. Try it.